Moby Dick

Performance, verschiedene Orte (Marburg)

8/2010

Künstlerische Leitung: Inga Berlin, Martin Esters, Sabine Manke

Die berühmte Schiffsreise der Melvilleschen Saga beginnt klaustrophobisch. Wo aber lässt sich die schwüle Enge eines Schiffsbauches und die fatale Zwangsgemeinschaft einer Besatzung an Land besser nachempfinden als in einer kleinen rumpeligen Werkstatt? Eingeklemmt zwischen Werkbänken, Einrichtungsgegenständen, Plastikwalen und Darstellern werden für die ZuschauerInnen das Szenario des Melvillschen Stoffes und seine Protagonisten holzschnittartig, poetisch, grotesk skizziert: ein traumatisierter Kapitän, ein liebenswert-beunruhigender Kannibale, ein Abenteurer – Ahab, Queequeg und Ishmael. Die Reise geht für die ZuschauerInnen im Freien weiter, doch sie führt nicht zu ihrer Befreiung. Ganz im Gegenteil, denn sie werden bei dem Transfer von der Werkstatt an den Fluss auch im wörtlichen Sinne an die Leine gelegt. Der Erzählfaden, der sich in diesem Teil der Performance um Herman Melvilles Besitz-ist-gleich-Recht-Philosophie vom „Fest-“ und vom „Losfisch“ schlingt, nimmt auch die ZuschauerInnen ins Schlepptau. Schließlich der dritte Teil, in dem es mit verbundenen Augen in Tretbooten auf die Reise geht und die Geschichte von der Jagd auf Moby Dick und den Untergang der Pequod als multi-sinnliches Hör-, Riech- und Fühlabenteuer erlebbar wird. Der Weg von der Enge des Raums ins Freie wird so zugleich eine Reise ins Reich der inneren Bilder. Und dadurch auch mitten hinein in ein Kernthema von Moby Dick: Das menschliche Vermögen, sich selbst zum Festfisch zu machen oder von anderen dazu machen zu lassen, sich an die Leine der eigenen schmerzhaften Erfahrungen, Ängste und Wünsche zu legen. Wenn die Zuschauer am Ende des Abends die Augenbinden wieder ablegen, blicken sie auf Ishmael, den einzigen Überlebenden dieses Himmelfahrtsunternehmens.

Gefördert durch den Fachdienst Kultur, Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Theater GegenStand e.V., Bootsverleih Weidenhausen.

 

„Am Tau wird das Publikum dann an die Lahn geführt, wo der härtere Teil der Aufführung wartet. Im Tretboot werden Augenbinden angelegt und ein persönlicher Steuermann jagt die Tretenden unbarmherzig nach rechts und links, bis man rumpelnd anlegt.
Und dann erlebt man die Jagd auf den Wal, das Trampeln auf den Planken, das Wogen der Wellen und die spritzende Gischt wirklich hautnah mit. Gerade, dass man nicht mit der Mannschaft und ihrem fanatischen Kapitän untergeht. Erst ganz am Ende darf man die traumhafte Szenerie mitten auf der Lahn im Licht von Laternen und unter wehenden Vorhängen bewundern und die wackeren patschnassen Darsteller beklatschen. Diese Inszenierung ist mit Sicherheit bei jedem Wetter etwas ganz Besonderes. Und obwohl die Klamotten immer noch nicht trocken sind, wird von der Rezensentin der Besuch bei strömendem Regen empfohlen.“

Marburger Neue Zeitung, 18. August 2010

„Das Regieteam (Inga Berlin, Martin Esters, Sabine Manke) wählte Melvilles bis heute zutreffende Imperialismus-Metapher vom Fest- und Los-Fisch aus, weil ‚es im Theater auch immer darum geht, das Publikum zu fesseln, es im übertragenen Sinn an die Leine zu nehmen’, wie Manke erklärt. Und dann handelt die Geschichte auch davon, wie es Moby Dick immer wieder gelingt, seinen Los-Fisch-Status zu verteidigen und schließlich seinen Jäger Ahab in Fest-Fisch zu verwandeln, indem er ihn am Ende mit sich in die Tiefe zieht.
Die eigentliche Jagd auf den weißen Wal ist Thema des dritten Teils der Performance. Es geht aufs Wasser. Das Publikum – in Vierer-Gruppen auf mehrere Tretboote aufgeteilt – bekommt die Augen verbunden und wird spätestens jetzt zum Fest-Fisch der Darsteller und der eigenen Phantasie. Die vertraute Marburg-Kulisse verschwindet hinter der Schlafmaske. Bei der Blindfahrt im Tretboot ist man den Anweisungen der Darsteller ausgeliefert: ‚Links! Hart rechts! Mitte!’. Texte, live gesprochen und vom Band. Das alles produziert einen Film im Kopf, der spannender ist als vieles, was man auf einer Bühne zeigen kann. Wenn man schließlich die Schlafmasken abnimmt, sieht man – schön und unwirklich – weiße Segel, die sich im Schein von Petroleumlampen im Wind blähen. Davor steht in einer langen Reihe das Ensemble. Das Drama ist vorbei. Die Pequod ist gesunken, die Mannschaft ertrunken, Moby Dick mit Ahab im Schlepptau abgetaucht. Nur Ishmael treibt in einem Sarg über das Meer, das ‚weiter wogt, wie es schon vor fünftausend Jahren wogte’.

Junge Welt, 25. August 2010