Margaret Mead‘s Islands of Passion. A bilingual gesamtkunstwerk celebrating her 110th geburtstag

Performance-Ausstellung, Westwerk, Leipzig
8/2011

Mythmakers: Gary Heidt, Cassandra Weston, Sabine Manke
Bühnenbild: Hasirehei

Was ist eigentlich eine Ausstellung? Was tun die Gegenstände einer Ausstellung? Was suchen wir im ethnologischen Museum? Was meinen wir dort zu sehen? Horch auf! Sprechen da nicht die musealen Objekte zu uns? Oder war das doch nur der trockene Husten des Kurators?
Die amerikanische Kulturanthropologin Margaret Mead, selbst jahrzehntelang als Kuratorin für das American Museum of Natural History in New York tätig, lieferte den Gegenstand für diese Inszenierung zwischen Performance, Installation und musealer Schau. Sie spannt nicht nur ihren Stoff, sondern auch ihre ZuschauerInnen in mehrere ineinander verschränkte Rahmen. Um den Geheimnissen des modernen Ausstellungsformats auf die Schliche zu kommen, greift die Inszenierung auf ein älteres Medium zurück: Tableaux vivants – Lebende Bilder. Sie erfreuten sich größter Beliebtheit im 19. Jahrhundert, das eine Vielzahl solcher Übergangsformate zwischen Theater und Ausstellung gekannt und kultiviert hat.
Margaret Meads Islands of Passion tritt den Beweis an, dass dieses Format seine besten Zeiten immer noch nicht hinter sich hat. Fünf Tableaux vivants zeigen sie als College-Studentin in den USA, als junge Feldforscherin auf Samoa und den Admiralitätsinseln, als Geliebte, Mutter, öffentliche Figur. Die lebenden Bilder aus Meads Vita, bestehend aus SchauspielerInnen, Projektionen, Musikin­stallationen und automatisierten Puppen, werden von den ZuschauerInnen abgeschritten und betrachtet wie eine Ausstellung. Im Angebot: die klassischen ‚Verständnishilfen‘ des Museums – ein Ausstellungsführer und Texttafeln. Doch dann: Eine Störung, die am Ende jedes Abends die Ausstellung in eine Performance und zusammen mit ihr auch das Publikum von den BesucherInnen eines Museums in die TeilnehmerInnen einer Performance verwandelt. Die Rahmen verschieben sich gegeneinander, ein Spalt eröffnet sich, durch den sich das Gefüge unserer Wissens- und Aneignungsformen erspähen lässt.

Gefördert u.a. durch Generalkonsulat der USA in Leipzig

„Charmant auch, dass die Performance nicht im Hier und Heute passiert. Der sogenannte Kampf der Kulturen, unser Bild vom Islam. Man hätte diese Kritik der Bilder auch am aktuellen politischen Diskurs abhandeln können und sich damit der Gefahr ausgesetzt, dass das Ganze als eine Art politisches Schnellschusstheater abgetan werden kann. Durch den dramaturgischen Trick, die Kritik der Bilder sozusagen historisch an der Ethnologin und Anthropologin Margaret Mead abzuhandeln, kann man als Publikum die Performance viel ernster nehmen und sich die Parallelen selbst erschließen.“

Figaro (MDR), 3. August 2011

„Verteilt wie Lebensfluss-Strandgut, auf den ersten Blick scheinbar willkürlich angespült. Biographische Trümmerstücke, die sich beim genauen Betrachten zum lückenhaften, reizvoll lädierten Fresko entscheidender Lebensmomente der Margaret Mead verfügen. [...]
Und täuscht der Eindruck? Oder lösen sich die beiden amerikanischen Gastregisseure Gary Heidt und Cassandra Weston nebst Sabine Manke damit aus jener Umarmung, mit der sie Mead zuvor an sich zogen? So wie sich, dramaturgisch und inszenatorisch klug, die Szenen im Finale auflösen. Wie das Nebeneinander der lebenden Bilder zu einem letzten, einzigen großen samt Publikum verfügt wird durch die eingespielte Rede eines Mannes und dessen schonungslos sarkastischem Blick auf Meads Leben und Wirken. Emanzipation und notwendige Distanzierung? Oder schlicht Verrat? ‚Islands of Passion’ bleibt da geschickt vage. Jeden im Publikum zwingend, sich die Antwort selbst zu geben.“

Leipziger Volkszeitung, 8. August 2011